Einer der Höhepunkte für Manuel: Der Klippenspringer stürzt sich am 14. August 2021 vom Dach des Osloer Opernhauses. Foto: Daniel Tengs Red Bull Content Pool/Philipp Uricher/Polizei Baden-Württemberg

Persönlichkeiten: Der Klippenspringer bei der Polizei

In der Novemberausgabe des STB Magazins wird dieses Mal Manuel Halbisch porträtiert. Der Klippenspringer gehört zu den besten seiner Sportart und arbeitet hauptberuflich bei der Polizei.

Der 14. August 2021 ist ein besonderer Tag für Manuel Halbisch. Vor 40 000 Zuschauern springt er vom Dach des Osloer Opernhauses aus Sage und Schreibe 27 Metern ins Wasser. Der 25-Jährige ist ein sogenannter „Cliff Diver“, zu deutsch: Klippenspringer.

Der Ort sowie die einzigartige Atmosphäre in Oslo zählen für Manuel zu seinen bislang spektakulärsten Erlebnissen im Klippenspringen. Der Begriff des Spektakels bekommt bei ihm einen ganz anderen Touch, denn als Klippenspringer hat der 25-Jährige regelmäßig einen erhöhten Adrenalinspiegel. „Die Angst gehört dabei einfach mit dazu“, sagt er. Diese sorge auch dafür, nicht den notwendigen Respekt zu verlieren und dadurch unter Umständen einen Tick zu unkonzentriert an den nächsten Sprung zu gehen.

Das erste Mal Turmspringen hat der 25-Jährige im Fernsehen bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking gesehen. Danach wusste er: Das möchte ich auch machen. Seitdem hat ihn die Leidenschaft gepackt und führt ihn an die verlassensten Orte dieser Welt.

Etwa auf die Azoren zwischen massiv aus dem Wasser ragenden Felsformationen, zur Weltmeisterschaft ins japanische Fukuoka in diesem Jahr oder eben nach Oslo am besagten 14. August vor rund 40 000 Zuschauern. „Ein Wettkampf in Deutschland wäre schon auch mal wieder cool“, sagt der 25-Jährige. 2008 war der bis dato letzte in Hamburg.

„Systemoperator“ bei der Polizei

Halbisch gehört zwar zu den besten Klippenspringern der Welt (18. Platz bei der WM in diesem Jahr), ist aber kein Profi. Er kann von seinem Hobby nicht leben. Im Alltag ist er seit zweieinhalb Jahren bei der Polizei als Kameramann bei der Hubschrauberstaffel im Einsatz. Zu seinen Aufgaben gehört: Aus dem Helikopter heraus Bilder machen von Unfällen; Örtlichkeiten aus der Vogelperspektive ablichten oder bei Sucheinsätzen von vermissten Personen mit Wärmebildkameras unterstützen.

Vor oder nach der Arbeit dreht sich bei Halbisch das ganze Jahr fast alles um Sport. Geboren ist der 25-Jährige in Baltmannsweiler bei Esslingen. Unterm Jahr turnt er in der 2. Bundesliga am Barren für den VfL Kirchheim. Das passe genau in seine Pläne, denn der Polizist darf die Saison über maximal sieben Geräte turnen. Ideal für Halbisch, der dadurch in Wettkampfform bleibt und nach der Turnsaison über den Sommer im Klippenspringen für den VfL Waiblingen quer durch die Welt reist. Zusätzlich turnt er noch im Jahnkampf für den TSV Baltmannsweiler.

Wie bewerkstelligt der Polizist das Trainingspensum?

„Ich trainiere ja nicht so viel wie im Kunst Turn Forum zum Beispiel“, erklärt der 25-Jährige. Er versucht, täglich zwei Stunden zu trainieren. Entweder im Schwimmbad in der Turnhalle oder Krafttraining. Das Gute: Als Hobbyathlet ist er in der Trainingsplanung relativ flexibel und kann sein Springerleben so mit viel Freude genießen.

Ob aus fast 30 Metern oder am Boden, für den Mann aus Baltmannsweiler ist wichtig, dass man sich bewegt. Genau das verbindet er auch mit dem Schwäbischen Turnerbund: „Turner sind in jeglicher Hinsicht gut aufgestellt.“ Viele der Bewegungen würde man nur im Turntraining lernen oder überhaupt versuchen. Dabei gehe es nicht darum, die Bewegungen perfekt umzusetzen, sondern ein besseres Körpergefühl zu bekommen. Das ist es auch, was ihm in der heutigen Gesellschaft etwas fehlt: „Oft genug wird gesagt, dass Kinder – etwa durch Corona – unsportlich geworden sind, weil sie sich nicht bewegen konnten.“ In Folge der geschlossenen Sporthallen und ausgefallener Schule mag das stimmen, aber, so Halbisch: „Wenn man Lust hat, sich zu bewegen, dann kann man das auch zu Hause oder sonst wo machen.“

Auf dem Rücken gelandet

„Man lernt neue Bewegungen beziehungsweise den eigenen Körper kennen, bekommt dadurch ein gutes Körpergefühl“, beschreibt der Polizist die Besonderheiten des Klippenspringens. Zudem habe er durch den Sport, „sehr viele coole Leute und Freunde kennengelernt“. Außerdem ist es der besondere Kick aus mehr als 20 Metern in einer bestimmten Bewegungsabfolge ins Wasser einzutauchen.

Dabei müsse er aber in einer guten Verfassung sein und wissen, was der Körper zu tun hat, erklärt Halbisch. Nur durch mentale und physiologische Stärke sei er in der Lage, den enormen Kräften von außen zu trotzen. Das gelte es bei jedem Sprung aufs Neue wieder zu überwinden.

Wie schnell etwas schiefgehen kann, hat der 25-Jährige schon erlebt: Auf den Azoren hatte Halbisch 2019 einen Unfall. Er verliert während eines Sprungs die Kontrolle, prallt mit dem Rücken aufs Wasser. Er kommt mit vielen kleinen Lungenrissen ins Krankenhaus. Die Verletzungen verheilen aber schnell und Halbisch darf nach wenigen Tagen das Krankenhaus wieder verlassen.

Die Verbindung zum Turnen

Angefangen hat der Polizist im Gerätturnen. Mit neun Jahren trainiert er ein Jahr im Kunst Turn Forum, lernt das hohe Arbeitspensum kennen und merkt schnell, dass dieser Leistungsdruck nichts für ihn ist. Es folgt der Wechsel zum Turm- und dann zum Klippenspringen. Eine komplett andere Welt, wie Halbisch inzwischen weiß. Zwar gibt es grundsätzlich ähnliche Sprungelemente im Turnen und im Klippenspringen, doch damit wars das an Gemeinsamkeiten. Denn selbst Elemente wie Saltos und Schrauben unterscheiden sich diametral. „Im Klippenspringen ist die Anzahl an Schrauben und Saltos viel höher“, erklärt der 25-Jährige. Einen Dreifachsalto aus 27 Metern Höhe stelle deshalb kein größeres Problem dar. Im Gerätturnen dagegen schon.

So unterschiedlich die Parameter auch sein mögen, so haben sie doch eins gemeinsam: das Mentale. Obgleich Halbisch beim Klippenspringen aus 27 Metern Höhe springt, so kann ein vermeintlich einfacher Tsukahara-Abgang am Boden den 25-Jährigen ebenfalls vor Probleme stellen. „Gerade nach längeren Pausen in der Turnhalle und fehlender Praxis können Elemente aus nicht mal mehr als zwei Metern zur Herausforderung werden“, weiß er.

Ähnliches gelte auch für das Klippenspringen: „Wenn man sich an einem Tag mental nicht so gut fühlt, sollte man es vielleicht auch lassen.“ Er selbst hat die Erfahrung ebenfalls schon gemacht und im Rahmen der diesjährigen WM in Japan am ersten Trainingstag zurückgezogen. Nach der kompletten Sprungvorbereitung habe er einfach gemerkt, dass das Gefühl nicht da gewesen ist. Diese Momente seien aber selten. Insgesamt spürt man beim 25-Jährigen den Enthusiasmus, wenn er vom Klippenspringen erzählt.

Mit seiner WM-Teilnahme in diesem Jahr hat er sich einen großen Traum bereits erfüllt. Eine größere Veranstaltung gibt es im Klippenspringen derzeit nicht. Dennoch fasst er persönlich noch ein weiteres Ziel ins Auge: einen Sprung aus mehr als 30 Metern. „Das klingt irgendwie cooler als 27 Meter.“

Wirklich höher muss es dann aber nicht mehr werden. Zu groß seien die Kräfte, die auf den menschlichen Körper einwirken. Denn mit jedem Meter steigt die auch die Geschwindigkeit sowie das Verletzungsrisiko.

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